Über das Töten von Wild

Ich will an dieser Stelle keine "handwerkliche", sondern eine ethische Betrachtung vornehmen. Ich nenne dabei drei Beispiele aus meinem Erleben, die aus meiner Perspektive unterschiedliche Aspekte des Tötens von Wild zeigen.

An dieser Stelle spielten wie gesagt die persönlichen Reflektionen über mein Tun die Hauptrolle, keine politischen Überlegungen. Diese habe ich (hier zu finden) gesondert vor dem Hintergrund des Phänomens der Jagdgegner behandelt.

Die zweifellos vorhandenen Vorteile der Trophäenjagd im Ausland für die lokale Bevölkerung und das Wild habe ich ebenfalls gesondert behandelt (hier zu finden).

Warum ich meine Art Jagd als Sport im angelsächsischen Sinne betrachte und wie ich es definiere, findet man ebenfalls umfassend behandelt (an dieser Stelle).

Im Weiteren geht es wie gesagt um drei Fälle, in denen das Töten eine völlig unterschiedliche Rolle gespielt hat. Einmal war ich froh, dass ich das Tier schoss, einmal war ich froh darüber, dass ich es nicht schießen konnte und einmal darüber, dass ich es nicht schießen wollte.

Warum nenne ich es übrigens "Töten" und nicht "Erlegen"? Weil es wertfrei ist. Ich denke, es sollte keinen sprachlichen Unterschied machen, ob man ein Rind oder ein Wildschwein tötet. "Erlegen" macht es genau so schöner wie das lautmalerische "Abknallen" der Jagdgegner es hässlicher macht.


Der Steinbock

Ich habe in Spanien u.a. zwei Steinböcke gejagt. Beim ersten Mal wusste ich nicht viel über diese Jagd und wie sie sein würde. Man könnte sagen, dass ich dorthin fuhr, um ein neues Land, eine neue Jagd, neue Menschen und ein neue Wildart kennenzulernen (das war die Reihenfolge meines Interesses).

Nach einem zu schnellen Schuss und einer langen, harten Nachsuche nahmen wir das Haupt mit und ließen den Rest des Körpers dort oben in den Bergen, wo ihn Raubvögel und Raubwild unter sich aufteilen würden.

Beim zweiten Mal wollte ich, der ich mich wieder einmal sofort in ein Land verliebt hatte, gar nicht einmal so sehr noch einen Steinbock (obwohl es eine andere der vier spanischen Unterarten war), sondern noch einmal diese Jagd und dieses Land. Inzwischen war mir klar, dass wir nur das Haupt mitnehmen würden, aber das machte mir nicht das mindeste aus.

Natürlich habe ich hinterfragt, ob es in Ordnung war, dass ich über 1.000 km flog um irgendwo in einer Einöde in einem spanischen Gebirge ein Tier zu töten, dass ich nicht zu essen gedachte und das, anders als viele andere Wildarten, die ich weltweit bejagte, auch niemanden weiter störte (etwa durch Wildschaden).

Aber zu der Antwort auf diese Frage gehört auch, dass diese alten Steinböcke ein Leben führen, das ausgefüllt ist mit Gewalt, Sex und Fressen und sonst nichts. Sie hängen, wenn man es vermenschlichen will, mit ihren Freunden ab, verprügeln jeden, der ihren Einflussbereich betritt oder versucht, ihnen gleichzukommen, begatten brutal jedes erreichbare weibliche Stück, fressen und verdauen. Dass ist alles. Irgendwann werden sie schwächer und von einem jüngeren Fremden oder sogar einem Freund verdrängt. Dann gehen sie irgendwo still und leise zu Grunde und der ehemalige Stolz des Berges verrottet mit seinem riesigen, in vielen Kämpfen bewährten Gehörn in irgendeiner Felsspalte.

Oder ich bin da, schiesse ihn aus großer Entfernung und nehme ihn aus dem Leben, kurz bevor er am Wendepunkt zum Altsein steht. Sein Gehörn hängt jetzt im Zimmer meiner kleinen Tochter (sie wollte das wirklich so) und wenn immer ich daran vorbeikomme, denke ich an unseren Tag dort oben und bin ein bisschen glücklicher. Ich bin froh, den Steinbock erlegt zu haben und mir ist in diesem Fall egal, ob jemand sein Fleisch gegessen hat.

 

 

Alles andere ist im Wagen des Wildhändlers. Symbolische Strecke in der Forst.

 

Das Chinese Water Deer

Einmal war ich in Norfolk, England und wollte eine ruhige Woche irgendwann an einem Jahresanfang verleben. Etwas Jagd, etwas Lesen, etwas Trinken und vor allem Ausruhen. Ich schoss erst zwei Muntjaks, deren hervorragendes Fleisch ich aß, trank nichts und las keine Zeile, sondern wollte sozusagen zum Abschluss der Reise noch ein Chinese Water Deer. Ich wollte es so sehr. Ich weiß auch nicht, warum. Mein Gastgeber kannte eine Stelle, eine U-förmige Waldkante, wo immer wieder ein CWD auftauchte. ein sehr vorsichtiges.

Also saß ich die verbleibenden Tage immer wieder auf so einer Art Hochsitz und verhielt mich ganz gegen meine Gewohnheit sehr still und ruhig, prüfte den Wind und war keine Sekunde unaufmerksam. Eigentlich saß ich auch gar nicht, sondern lag dort auf dieser hölzernen Plattform und nahm meine Augen nicht vom Fernglas. Stundenlang harrte ich so aus, im Regen und Wind und hatte das Gefühl und auch die Zusage, dass das CWD ganz sicher kommen würde.

Nach endlos langer Zeit sah ich nur ein kleines, scheues Haupt und als ich wenige Sekunden später durch das Zielfernrohr der Waffe blickte, war das Tier verschwunden. Es kam auch nicht wieder, obwohl ich sorgfältig weiter aufpasste.

Irgendwie hat mich dieses Tier glücklicher gemacht, als die zwei Muntjaks, die ich schoß, obwohl eines davon eine CIC-Silbermedaille bekam (es war das einzige Tier, das ich jemals vermessen ließ, weil der englische Präparator zugleich zertifiziert dafür war und es nichts kostete). Ich mochte Norfolk, vielleicht weil ich im Vorjahr mit meiner Tochter dort war und weil es so sehr englische countryside war, wie ich es gerne in Filmen sah. Fast künstlich für ein echtes Land mit echten Menschen. Und ich mochte dieses ruhige Warten und Ausruhen, das in völlig Gegensatz zu meinem sonstigen Tun stand. Und schließlich mochte ich irgendwie auch dieses schlaue und scheue Tier und den kurzen Moment unserer Begegnung.

Ich bin nicht nur froh, dass ich das scheue Tier nicht schießen konnte, sondern auch darüber, dass diese Jagd so fair war, dass das Tier die Möglichkeit hatte, sich mir zu entziehen. Es wurde nicht angelockt oder getrieben. Unter dem Aspekt der Wildschadenverhütung könnte man das kritisieren, aber nicht bei mir, denn ich bin kein "Schädlingsvernichter" und werde niemals einer sein.

 

Die Rehe

Dieses Jahr konnte ich wegen der ganzen Pandemiebeschränkungen nur eine einzige Drückjagd besuchen. Sie fand bei der Staatsforst statt, dort, wo Rehwild primär als Schädling und allenfalls noch als Lebensmittel betrachtet wird und wo man uns immer sagte, es sei besser, zu schießen, als lange zu überlegen. Jedes einzelne Jahr wird das gesagt. Und meistens sind die Wildkörper schon verschwunden, wenn ich beim Aufbrechplatz ankomme. Man lässt nur die von den Erlegern erworbenen Stücke liegen und der ganze Rest ist schon im Wagen des Wildhändler unterwegs. Zeit ist schließlich Geld bei der Erzeugung von Lebensmitteln.

Ich hatte meine Drückjagdbüchse im Kaliber 8 x 57 IS zuletzt im Januar dazu benutzt, in British Columbia einen Mountain Lion, Puma, zu schießen (wie hier erzählt) und dazu eine Patrone mit splitterndem, bleihaltigem Geschoss benutzt. Man schießt ihn auf kurze Entfernung und will ihm nicht gegenüberstehen, wenn er nur krankgeschossen ist. Danach hatte ich sie nicht wieder in der Hand, weil ich wenig Reisen machte und wenig schoss. Ich hatte einfach frühmorgens alles eingepackt, was ich immer zur Drückjagd mitnahm. Erst, als ich meinen Drückjagdbock bestieg, realisierte ich, dass ich meine übliche Drückjagdpatronen mitgenommen hatte und nicht diejenigen, mit der ich diese Waffe eingeschossen hatte. In der Forst waren bleihaltige Geschosse natürlich nicht erlaubt. Zudem war die Waffe wegen des Pumas auf 25 Meter eingeschossen und nicht auf 50 wie sonst. Was sollte ich also tun? Ich beschloss, nur zu schießen, wenn das Wild breit stand und nicht weniger als 25 Meter entfernt war, denn auf diese Entfernung, das hatte ich beim Einschießen mit den beiden unterschiedlichen Patronen selbst gesehen, gab es keine Abweichung im Treffpunkt von mehr als 2 cm. Ich hatte wenige Monate zuvor in der Gascogne einen Rehbock aus Schlunzigkeit krank geschossen und deswegen länger ein schlechtes Gewissen. Er war erst einige Tage später von einem Bauern erlegt worden. Dazu maß ich mit dem Entfernungsmesser alle möglichen Distanzen und merkte mir, wo für mich Schluß war.

Nach all den Jahren mit in diesem Gebiet wirklich sehr mäßiger Wildsicht, sah ich zwei Mal Rehe und zwar nicht irgendwie, sondern breit stehend. Sie waren weit vor dem Treiben und kaum beunruhigt. Ich hatte alle Zeit der Welt. Ich bin auf Drückjagden sonst sehr schußheiß und muß mich anstrengen, die Waffe ruhig zu halten. Aber an diesem Tag war ich sehr gelassen. Die Rehe standen einmal 45 und einmal 60 Meter entfernt. Für mich an diesem Tag zu weit. Ich sah ihnen in aller Ruhe zu und tat sonst nichts. Es war sehr kalt und der Laubwald sehr kahl und nass und deprimierend und ich vermisste die KInder, die ich sonst immer mitnahm und die üblicherweise am Haus des Försters warteten und mit den Hunden spielten. Vor allem aber war ich stolz auf mich, mich gut beherrscht zu haben. An diesem Tag hat es mir etwas bedeutet, nicht geschossen und getötet zu haben.


Meinen drei Beispielen ist gemeinsam, denke ich, dass das Töten von Wild auf der Jagd für mich unter dem Vorbehalt der Fairnis steht und nur als Konsequenz der Jagd und nicht aus Freude am Töten erfolgt. Es ist wie ein Antiklimax, der das ganze Erleben davor beendet.

In Deutschland gebietet das Tierschutzgesetz, dass man nur aus einem wichtigen Grund Tiere tötet. Das verstehe ich. Gewinnung von Fleisch und Seuchenbekämpfung werden da genannt. Mit dieser reinen Nützlichkeitsbetrachtung bin ich aber nicht einverstanden. Davon abgesehen kann ich gut verstehen, wenn einem Fleisch nicht schmeckt und man es deshalb auch nicht essen möchte, auch, wenn das für mich nicht gilt.

Schönheit eines Erlebens und Begegnungen mit Menschen sowie die Erinnerung an beides durch eine Trophäe sind für mich nicht weniger wichtig.